Durch Kooperation zum Erfolg

– Die Zukunft der Arbeitswelt –

(Birgitta Winkler & Werner Wutscher) „Industrie 4.0“, das neue Schlagwort, das jedes Management-Seminar beherrscht. Damit verbunden ist die Vorstellung von Innovation in allen Bereichen, aber niemand weiß so recht, was das konkret bedeutet bzw. welche Auswirkungen dies auf die Arbeitswelt haben wird.

Traditionelle Arbeit, ein Auslaufmodell?

„Panta rhei“ wusste schon Heraklit, doch heute ist das einst so beschauliche Fließen schon längst ein reißender Strom. Das Leben rast an uns vorbei, oder doch wir am Leben? Europa steht vor der Herausforderung, neue Wege zu finden. Auch für den Wirtschaftsstandort Österreich stellt sich heute mehr denn je die Frage, in welche Richtung es gehen soll. Wir sind als Land weder ein nennenswerter Produktionsstandort, noch sind wir für herausragende Technologie bekannt.

Doch hier kommt das Konzept von Industrie 4.0 ins Spiel: Die 4. Industrielle Revolution („Industrie 4.0“) ist gekennzeichnet von der Digitalisierung der Prozesse und von der immer stärker fortschreitenden Vernetzung von Unternehmen, Wissen etc. Sie ist aber auch gekennzeichnet von der wachsenden Selbstbestimmung der Menschen, die sich flexibel untereinander vernetzen, Gruppen bilden und wieder auflösen, usw. Die neuen Technologien begünstigen diese Vernetzungen und (neues) Wissen, das allen zur Verfügung steht, sich sehr schnell verbreitet und sich ebenso schnell ändert.

Und bei dieser Wissensstreuung setzt Open Innovation an: Unternehmen benötigen die Expertise von Außen, da heute Lösungen oft aus anderen Geschäftsfeldern kommen oder durch kreative Prozesse, für die in traditionellen Unternehmen kein Raum war. Open Innovation bindet interne und externe Experten als ökonomische Partner ein. Diese kombinierte Innen- und Außensicht führt – nach einer anfänglichen Irritationsphase – zu Veränderungen. Damit diese Irritationen jedoch nicht das soziale Gefüge und die Unternehmenskultur unkontrolliert sprengen, müssen sie durch ein professionelles HR-Management gesteuert werden. Und damit stellt sich auch schon die Frage nach der Arbeitswelt 4.0.

Neue Konzepte sind für die Arbeitswelt 4.0 dringend notwendig, da die MitarbeiterInnen von heute und morgen andere Anforderungen stellen. Menschen sind zwar das Fundament jedes Unternehmens, gleichzeitig sind sie eines der größten Risiken wie eine Studie der HayGroup aus 2012 (*1) zeigt: In Europa engagierten sich nur 63 % der MitarbeiterInnen und lediglich 66 % davon fühlen sich motiviert genug, um mehr als die formal geforderten Leistungen zu erbringen. Mehr als 44 % hatten die Absicht, das Unternehmen innerhalb von 5 Jahren zu verlassen; 21 % sogar in weniger als 2 Jahren.

Start-ups sind die Lösung?

Einen Teil der Antwort können start-ups geben, die mit neuen Technologie- und Arbeitskonzepten bereits zukünftige Entwicklungen antizipieren, da sie – automatisch – neue Formen der Zusammenarbeit und eines Demokratisierungsprozesses unter den MitarbeiterInnen zulassen und sogar fördern. Hinzu kommt, dass sie gegenüber den arrivierten Unternehmen den Vorteil haben, dass sie über schlanke Strukturen und kurze Entscheidungswege verfügen. Sie ähneln Schnellbooten, die rasch auf Änderungen reagieren können. Eine Kooperation mit Start Ups wird aber nur gelingen, wenn auf beiden Seiten ein Verständnis für die kulturellen Unterschiede besteht und diese auch aktiv gemanagt werden. Denn in der Praxis scheitert die Zusammenarbeit nämlich nicht am (technischen) Inhalt, sondern an der Kooperationsfähigkeit bzw. dem Verständnis auf beiden Seiten.

Neue Formen der Kooperationen als Basis für Innovationen sind nur dann erfolgreich, wenn das Gegenüber möglichst unterschiedlich zum eigenen Mindset ist, dh. unterschiedliche Kulturen oder Denkweisen sind gute Voraussetzungen für Innovationen, da sich dadurch neue Perspektiven bieten. Doch um dieses Potenzial zu nutzen, erfordert es in den Unternehmen besonderer Fähigkeiten: Empathie, Verständnis, positive Affektivität, Querdenken, etc. sind nur ein paar Faktoren, die nützlich sind. Zusammengefasst unter dem Begriff „Kooperationsfähigkeit“ ist dies eine Schlüsselkompetenz, über die nicht nur MitarbeiterInnen verfügen müssen, sondern vor allem Führungskräfte.

Kooperation als Schlüsselkompetenz

Kooperation ist eine „Form gesellschaftlicher Zusammenarbeit zwischen Personen, Gruppen oder Institutionen“, wobei es unterschiedliche strukturelle Bedingungen für Organisationen (zB: Unternehmenskultur, Form der Führung) und Personen (zB: Werte, Persönlichkeitsmerkmale, Sozialisierung) gibt, damit Kooperation überhaupt erst möglich wird; Voraussetzung sind faire Bedingungen, dh es muss Gegenseitigkeit bzw. Reziprozität gegeben sein. (*2)

Innovation bedingt nun Kooperation nach Außen (z.B. mit anderen Unternehmen, Start Ups oder Forschungseinrichtungen – [„cross-innovation“]) und nach Innen (Vernetzung der eigenen MitarbeiterInnen). Die Bereitschaft zu letzterem ist aber in den vergangenen Jahren oft verloren gegangen, da die Voraussetzung der Gegenseitigkeit und des Vertrauen nicht mehr gegeben waren. Und damit sind wir bei der Frage der Unternehmenskultur: Ist es eine Kultur der Angst und der Abgrenzung oder ist es eine Kultur der Offenheit und des Vertrauens?

Erschwerend kommt hinzu, dass die Industrie 4.0 stark von Männern getrieben ist, obwohl es gerade die Frauen sind, die einen kooperativen Arbeitsstil prägen. Für eine Veränderung der Unternehmenskultur ist daher auch die aktive Partizipation von Frauen – auch auf Entscheidungsebenen – eine conditio sine qua non. Diese kann selbst in Krisenjahren einen Unterschied machen: eine Analyse von weltweit 180 Unternehmen hat ergeben, dass Unternehmen mit der höchsten Vorstands-Diversität „zwischen 2008 und 2010 53% mehr ROE und eine um 14% höhere EBIT-Marge, verglichen mit den wenig diversen Firmen“ erzielten (McKinsey, Vielfalt siegt! Warum diverse Unternehmen mehr leisten; November 2011).

Kooperation in der Praxis betrifft immer die Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen, heterogenen Individuen. Zwischen Menschen mit unterschiedlichem Geschlecht, unterschiedlicher sozialer Herkunft, unterschiedlicher Ethnie, unterschiedlichem Glauben etc. Bei jeder einzelnen Person müssen die Bedürfnisse ernst genommen und gefragt werden, „was kann sie am Besten“ und nicht: „was kann sie nicht“; Arbeitsbedingungen müssen differenziert betrachtet werden, damit Zufriedenheit entsteht, denn nur daraus entsteht Vertrauen, das wiederum zu Loyalität und weiter zu Bindung an das Unternehmen führt. (*3)

Eine heterogene Gruppe an MitarbeiterInnen lebt von unterschiedlichen Erfahrungen, Sichtweisen und dem Zulassen von Neuem auf allen Ebenen – und damit haben Unternehmen die Möglichkeit, sich für neue Perspektiven (= neuen Profit) zu öffnen. Der fruchtbare Boden für Innovation ist die Vielfalt und Begeisterung der eigenen MitarbeiterInnen. Die kreativsten Mitarbeiter sind wertlos, wenn sie aufgrund des vorherrschenden Unternehmensklimas schon längst verstummt sind und ihre Ideen nicht mehr äußern.

In der Kurzzeittherapie wird gerne mit der Wunderfrage von Steve de Shazer gearbeitet. Vielleicht ist es an der Zeit, dass sich auch Unternehmen diese Frage in Bezug auf Kooperation stellen. Das klare Bild der Lösung und einer erfolgreichen Zukunft machen den Weg dorthin sichtbarer. Denn Kooperation kommt nur zustande, „wenn einer Gruppe ihre eigene Zukunft ‚am Herzen liegt‘“, da sich nur dann die Gruppe zum Team entwickelt, wobei jedes Mitglied „ein hohes Maß an Vertrauen und Zuversicht in die Fähigkeiten der übrigen Teammitglieder setzen können [muss]; andernfalls wird das Team in miteinander konkurrierende Fraktionen zerfallen und als Team nichts zustande bringen“(*4). Klingt letzteres nicht nach dem Ist-Zustand in vielen Unternehmen?

Es geht also nicht um die Frage, ob große Unternehmen oder start-ups die besseren Lösungen haben. Oder ob Männer oder Frauen einen Job besser erledigen. Sondern ist geht um nichts weniger als eine neue Form der Zusammenarbeit. Setzt Europa mit all seiner jahrhundertelangen Erfahrung noch immer auf Konkurrenz und Kampf oder haben wir uns als Gesellschaft so entwickelt, dass wir nachhaltige Kooperation umsetzen können, die allen Beteiligten zum Vorteil gereicht?

Winkler

 

Mag.a Birgitta Winkler LL.M.
BFC Expertin, Psychologische Beraterin & Unternehmensberaterin (*5)

 

Wutscher


Mag. Werner Wutscher MPA

CEO New Venture Scouting (*6)

 

 


 

*1 Depressed employee engagement stunts global business performance, HayGroup, 2012.
*2 Quelle: Dorsch Lexikon der Psychologie; https://portal.hogrefe.com/dorsch/kooperation
*3 Migration als Ressource, Beatrice Achaleke im Gespräch mit Rosalia Kopeinig; in: Migration zusammen leben, 2014.
*4 Steve de Shazer, Wege der erfolgreichen Kurzzeittherapie
*5 Mag.a Birgitta Winkler LL.M. ist als psychologische Beraterin und Unternehmensberaterin selbständig tätig. Sie ist Expertin für internationales  Arbeitsrecht und HR­Management.
*6 Mag. Werner Wutscher MPA ist Gründer von New Venture Scouting. Als Business Angel verbindet er start­ups mit etablierten Unternehmen  schwerpunktmäßig im Bereich Nachhaltigkeit und greentech. Er ist Vorstandsmitglied von respACT und hält zahlreiche Aufsichtsratsfunktionen in  Österreich und Mumbai
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