Führungskraft = Führung + Kraft

Viel wird heute über Führungskräfte geschrieben. In kurzen Abständen erscheinen Artikel, Analysen und Ratgeber über und für sie. Sie sind die eierlegende Wollmilchsau unserer Zeit: sie können neue KundInnen akquirieren, bestehende verwöhnen und alte bevorzugt behandeln. Sie kennen die Feinheiten von EBIT, EGT, EBITA und DB1. Sie erledigen den operativen Job einer Vollzeitkraft mit 20 Überstunden pro Woche (Dienstreisen nicht inkludiert) und haben jederzeit ein offenes Ohr für die Anliegen ihrer MitarbeiterInnen.

 

Moderne Führungskräfte = Führung ohne Kraft

 

„Führungskraft“ bedeutet gem. Duden eine „Person, die in leitender Stellung tätig ist“. Dies ist die eine Definition – die, die heute überwiegend verwendet wird. An die andere wird nur mehr selten gedacht: denn „Führungskraft“ bedeutet auch „die Kraft zur Führung“.

Diese Kraft kann man in unterschiedlichen Aspekten betrachten: die mentale Kraft, die empathische Kraft, die faktische Kraft und vor allem das eigene Kraftpotenzial gehören dazu. „Ja, eh klar, kann ich“, werden sich Führungskräfte jetzt denken. Doch ist es wirklich so klar?

Die mentale Kraft – der (rationale) Wille zur Führung: Will ich tatsächlich führen? Die Verantwortung für das Tun – und auch Nicht-Tun! – anderer Menschen übernehmen? Will ich mich auch mit Themen beschäftigen (müssen), die mich eigentlich nicht interessieren?

Die empathische Kraft – die soziale Kompetenz: Verstehe ich die Handlungsmotive anderer ohne sie zu beurteilen und ohne mich von eigenen Vorurteilen in meinen Entscheidungen leiten zu lassen? „Kann“ ich mit Menschen und „mag“ ich sie? Ohne letzteres ist’s ersteres unmöglich.

Die faktische Kraft – Wissen zu angemessenen Handlungsweisen: Kann ich Strategie und Taktik bewusst unterscheiden und optimal einsetzen? Bin ich diplomatisch genug, um auch in schwierigen Situationen keine „verbrannte Erde“ oder eine auf Jahre hinaus nicht habitable Zone zu hinterlassen? Hinter harschen Worten und überschießenden Reaktionen verbergen sich oft eigene Enttäuschungen oder Ängste.

Das eigene Kraftpotenzial – hier geht es um die wichtigste Frage: Habe ich selbst genug (innere) Kraft, um meine Zeit als Führungskraft nicht nur irgendwie – unter Ausbeutung meiner eigenen Ressourcen – zu überleben? Kann ich gleichzeitig:

  • (finanzielle) Ziele des Unternehmens erfüllen?
  • MitarbeiterInnen führen, ohne (psychische und physische) Verletzungen auf beiden Seiten verantworten zu müssen?
  • Beruf und Privatleben so verbinden, dass meine Ehe die Berufszeit überdauert und meine Kinder stolz auf mich sind, wenn sie von mir erzählen?

 

Wie gehe ich mit meiner eigenen Kraft um?

Führung erfordert – viel – eigene Kraft. Interessanterweise wird diese vorausgesetzt. Ohne zu hinterfragen, wie man sie finden, steigern, bewahren und effizient einsetzen kann. Das ist die Herausforderung, der sich Führungskräfte heute und an jedem neuen Morgen stellen müssen. Denn ohne Kraft zur Führung werden Führung und Führungskraft kraft- und ziellos.

 

Mag.a Birgitta Winkler, LL.M. (BFC Expertin)

Juristin, Rail Cargo Austria AG; Selbstständig

0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*