Prof. Dr. Friedrich Glasl zum Thema Biografiearbeit

Im Rahmen des „NEW GENERATION Carinthia Mentoring“  fand für die Mentorinnen und Mentoren ein Workshop mit Prof. Dr. Friedrich Glasl zum Thema „Persönliche Biografiearbeit“ in St. Georgen am Längsee statt.

Unsere BFC Vorständin Michaela Türk, MAS nutzte die Gelegenheit und interviewte Prof. Dr. Friedrich Glasl zum Thema Biografiearbeit.
Friedrich Glasl ist als Konfliktforscher und Wissenschaftler international bekannt und hochgeschätzt. Es war mir deshalb eine besondere Freude, ihn persönlich kennen zu lernen und zu erleben.
Im fachlichen Mittelpunkt des biografischen Arbeitens standen die Entwicklungsphasen nach Prof. Bernard Lievegoed und Dr. Hans von Sassen, die in Jahrsiebte eingeteilt werden. Es war sehr lehrreich, in der Kleingruppe diese Phasen mit eigenen Lebensstationen zu verknüpfen und zu reflektieren.Besonders interessant war die Darstellung der Biografien von Paul Gauguin und Gabriele Münter. Der Vergleich der Entwicklungsstufen und der lebensbedeutenden Ereignisse sowie deren Auswirkungen auf das künstlerische Werk waren spannend und aufschlussreich.

Im Anschluss an den Workshop hatte ich die Möglichkeit, mit Friedrich Glasl über den Wert und die Bedeutung der Biografiearbeit zu sprechen.

Für Friedrich Glasl ist Biografiearbeit eng mit Selbsterkenntnis verbunden, dieGrundlage für reflektiertes Handeln ist. Und die benötigt man als Berater, als Führungskraft, als Mediator etc. Es ist wichtig, mit sich selber ins Reine zu kommen, um mit anderen gut umgehen, gut arbeiten zu können. In der Biografiearbeit hat man die Möglichkeit nachzuschauen, wer man ist, woher man kommt und was man mit sich an Positivem und Negativem herumschleppt.
Anhand der Beispiele der Biografien von anderen Menschen, die etwas aus sich gemacht haben, kann man etwas für sich selber herausholen. Man kann anders auf sich selber schauen, wenn man eigenes Handeln aus der Metaperspektive betrachtet.

Bei der Biografiearbeit betrachtet man die Vergangenheit, aber nicht um diese zu erforschen, sondern um zu ergründen, was das über einen selbst aussagt, wie authentisch man ist und wie man auf das zugeht, was in der nächsten Zeit auf einen zukommt. Was bedeutet die Reflexion der Dinge, die man bisher im Leben erreicht und geschaffen hat? Was bedeutet das für die Arbeit in der Zukunft, egal was man beruflich macht?

Im Mittelpunkt der theoretischen Ausführungen standen die Entwicklungsstufen des Menschen, die sich in 7-Jahres-Phasen gliedern lassen. In jeder Phase gibt es besondere Grundbedürfnisse, Werte, Motive, Aufgaben und Fähigkeiten. Dabei ist die seelisch-geistige Entwicklung nicht an den Körper gebunden. Gelingt die Emanzipation der Seele vom Körper, dann ist es möglich, dass die seelisch-geistige Kurve stetig bergauf geht, auch wenn die körperliche Leistungsfähigkeit nachlässt.

Zu den Entwicklungsphasen gehören Sternstunden und Krisen.
Wenn Menschen im Krisenfall wissen, dass es Gesetzmäßigkeiten in der Entwicklung gibt und dass Krisen dazugehören, dann normalisiert das den eigenen Prozess, auch wenn es einem nicht erspart bleibt, sich selber damit auseinanderzusetzen. Es ist hilfreich, andere Biografien mit der eigenen zu vergleichen, um damit zu anderen Perspektiven zu gelangen.

Friedrich Glasl verweist hier auf Ähnlichkeiten im Bereich der Mediation.
Ähnlich ist es in der Mediation. Wenn Leute wissen, es gibt Konfliktmechanismen wie die verzerrte Wahrnehmung oder den Verlust der Empathie, dann ist das ein Aha-Erlebnis. Denn mit der Erkenntnis, dass man nicht total krankhaft, sondern einem normalen Ablauf im Konfliktgeschehen unterworfen ist, findet man wieder zur Selbststeuerung zurück. Und das geschieht leichter, wenn man darüber Bescheid weiß.

Es gibt eine Fülle von Bereichen, in denen das Wissen um die Lebensphasen hilfreich ist.
Beim Mentoring kann man schauen, in welcher Lebensphase sich Mentorinnen und Mentoren befinden und in welcher Lebensphase die Mentees zu finden sind. Das kann noch einmal Aufschluss über laufende Prozesse geben. Die Fragestellung für Mentorinnen und Mentoren könnte lauten: Wo treffe ich die Menschen an, die ich führe?

Es ist auch ganz spannend, wenn jüngere Führungskräfte ältere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen führen. Um eine bessere Einschätzung zu bekommen und nicht die eigene Befindlichkeit als Führungskraft den anderen aufzudrängen, kann die Berücksichtigung der Entwicklungsqualitäten hilfreich sein. Ältere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind vielleicht im Wissen um Führungsaufgaben nicht weiter als die jüngere Führungskraft, aber in ihrer persönlichen Entwicklung können sie der jungen Führungskraft voraus sein.

Auch bei Personalentwicklungskonzepten und –überlegungen sind die Entwicklungsphasen von Bedeutung. Wie schaut eine gute Laufbahnplanung aus? Nicht nur im Sinne von mehr fachlichen Kompetenzen und mehr Verdienst, sondern bei welchen Tätigkeiten und Funktionen können welche Fähigkeiten entwickelt oder eventuell verbaut werden?

Ebenso ist der Blick auf die Entwicklungsphasen bei der „time span capacity“ und bei allen möglichen Untersuchungsergebnissen zu diesem Thema bedeutsam.
Die time-span-capacity ist die Fähigkeit, über einen bestimmten Zeitraum – z.B. ein Quartal, ein Jahr oder mehrere Jahre – verbindlich zu planen, zu disponieren und auch die Umsetzung durchzustehen und zu evaluieren. Erst dann ist eine Sache rund. Nicht gleich beim ersten Gegenwind aufzugeben und zu sagen: „Vergiss alles. Wir machen einen neuen Zehnjahresplan.“
Gerade bei den Turbulenzen des heutigen Wirtschaftslebens oder Politiklebens ist es wichtig, eine strategische Richtung nicht aus den Augen zu verlieren, sondern eine gewisse Kurssicherheit zu haben, auch wenn Zick-Zack- und Auf-und-ab-Bewegungen ein gewisses taktisches und flexibles Handeln erfordern.
Man kann nicht nur danach vorgehen, dass alle sechs Monate sowieso immer alles anders ist. Denn wozu sollte man sich da Gedanken über Identität der Firma oder über langfristige Konzepte machen?
Oft erscheint es lächerlich, wenn Wirtschaftsprognostiker alle Monate die langfristige Prognose gleich um drei oder vier Prozentpunkte auf oder ab korrigieren. Was bringt dann die langfristige Prognose, wenn nur aufgrund des Tagesgeschehens immer wieder extrapoliert wird?

Für mich war das Wochenende mit Friedrich Glasl etwas ganz Besonderes. Es war Freude im besten Sinn des Wortes, ihm zuzuhören, seine Beispiele aus dem eigenen Lebensalltag zu erfahren und an seiner großen Kenntnis in der Kunst teilhaben zu können.

Michaela Türk, MAS
BFC Vorständin

Für alle, die sich für die Entwicklungsstufen interessieren, einige Literaturempfehlungen:

Borysenko, J. (2001): Das Buch der Weiblichkeit. Der 7-Jahres-Rhythmus im Leben einer Frau. München.
Erikson, E. (1979): Identität und Lebenszyklen. Frankfurt am Main.
Lievegoed, B. (1979): Lebenskrisen – Lebenschancen. München.
Treichler, R. (1981): Die Entwicklung der Seele im Lebenslauf. Stuttgart.

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