Das Jetzt und wie wir einen Weg zu uns selbst finden

Das Jetzt und das Hier

Der Ausdruck “Achtsamkeit”, bekannt auch als “Mindfulness” könnte mit den Aufforderungen „Lebe in dem Jetzt!“ oder „ Erlebe das Jetzt bewusst!“ umschrieben werden.

Das mag wohl ziemlich abstrakt klingen, ja sogar zu philosophisch und zu weit von unserem Alltag, oder aber zu einfach und banal.

Wir betrachten uns als pragmatische Menschen, die ständig mit materiellen Dingen beschäftigt sind. Besonders wir Frauen müssen oft unzählige Aufgaben unter einen Hut bringen: Karriere, Familie, soziale Beziehungen, Verantwortungen jeglicher Art. Es bleibt uns kaum Zeit für uns, ganz zu schweigen unseren spirituellen Teil zu entwickeln. Denn wer von uns hat mal Zeit für so etwas? Und solange wir in dieser Haltung verharren, verpassen wir vieles.

Wir laufen Gefahr, unsere Jetztzeit zu verschwenden, indem wir den Augenblick ausblenden und vergessen, dass das Jetzt ein wichtiger Teil unseres Lebens ist. Denn das Leben kann nur an einem einzigen Zeitpunkt gelebt und gestaltet werden: genau hier und genau jetzt. Das Leben entfaltet sich in dem Augenblick, den wir gerade erleben. Wir können weder die Vergangenheit ändern noch die Zukunft voraussehen. Das bedeutet, dass jede Energie, die auf Dinge gerichtet ist, auf die wir keinen Einfluss haben können, einfach verschwendete Energie ist. Die Sorge um die Zukunft kann zu Angststörungen, Depressionen und Selbstzweifeln führen, da wir uns dessen bewusst sind, dass wir keinerlei Kontrolle über sie haben. Und dabei bleibt keine Aufmerksamkeit für den Augenblick übrig.

Die Devise lautet also: Statt Eiltempo im Jetzt verweilen! Na ja, einfacher gesagt als getan. Wie lässt sich so was im Alltag tatsächlich verwirklichen? Die Antwort klipp und klar: Das eigene Denken ändern, um uns von negativen Denkmustern zu lösen!

Für die alten Griechen war eine ausgewogene Lebensweise die wichtigste Tugend überhaupt.  Wenn Körper und Seele im Einklang sind, dann befinden wir uns in unserer besten Verfassung.  Und zu diesem Ergebnis können wir aber nur gelangen, wenn wir uns von falschen Vorstellungen befreien und richtig über den Alltag denken.  Ein gesundes Seelenleben ist die beste Medizin gegen vieles Übel.  Oft machen wir mehrere Sachen gleichzeitig – typisch für uns Frauen. Darüber hinaus sind wir oft von Schuldgefühlen geplagt, wenn wir es nicht geschafft haben, das zu tun, was wir uns vorgenommen hatten. Wir schalten den Autopiloten ein und stürzen uns mit Scheuklappen in die tägliche Routine, damit wir das gesetzte Ziel schnell und systematisch erreichen können.

Die innere Unruhe

Oft kommt dazu, dass wir uns mehr zumuten, als wir tatsächlich aushalten können. Der Druck der täglichen Routine wird immer stärker und wir geraten in eine Spirale von unmöglichen Herausforderungen. Sobald wir feststellen, dass wir mit diesen nicht wie geplant umgehen können, werden wir Opfer innerer Unruhe, auch aus Mangel an Selbstwertgefühl und wegen verschiedener Ängste. Der Philosoph Epikur schreibt:

Nicht der Bauch ist unersättlich, sondern die falsche Vorstellung von dem unbegrenzten Anfüllen des Bauches“.[1]

Epikur

Das gesunde Maß wird überschritten, wenn wir unserer Begierde nachgeben. Jedes Mal, wenn wir von allen geliebt werden wollen, wenn wir Erfolg erreichen, die Besten sein oder anerkannt werden wollen, kann es zu einer Überforderung kommen – besonders wenn die Sachen nicht so laufen, wie wir es uns vorgestellt haben. Es kommt zu einer geistigen Überforderung, weil wir unsere Erwartungen nicht entsprechen. 

Der Schlüssel zur Lösung

Der Schlüssel zur Lösung ist hier das gesunde Denken. Wir können damit beginnen, indem wir unsere Werturteile hinterfragen. Diese zu relativieren bedeutet, sich zu fragen, ob sie wirklich mit unserer wahren Natur übereinstimmen oder ob diese uns von der Gesellschaft durch weit verbreitete Konventionen – wie z.B die Anerkennung der anderen oder soziale Absicherung – auferlegt wurden.  Entsprechen meine Wertvorstellungen meinen Bedürfnissen? Warum strebe ich nach Karriere, Erfolg oder Anerkennung? Wenn diese Faktoren meine Gesundheit gefährden, dann sind sie keine Werte.  Indem man in sich geht, hat man größere Chancen, den Weg zu sich zu finden und sich zu verwirklichen, allerdings basierend auf den eigenen Vorstellungen und Werten und nicht auf denen der anderen.  Authentizität und Harmonie mit sich selbst erlauben uns zur inneren Ruhe zu kommen.

Den Sinn im Leben finden

Indem wir unsere Handlungen verlangsamen, erweitern wir unser Bewusstsein und somit kann es uns gelingen, uns auf das Wesentlichste zu konzentrieren. Aber was ist dieses Wesentliche? Für mich ist es, den Sinn im Alltag und im Leben zu finden. Ich meine damit, dass man eine Vision hat oder dass man nach einem Ziel strebt, das einem Freude bereitet. Ohne Visionen, Träume oder Ziele laufen wir Gefahr, den Sinn in unserem Leben zu verlieren und dadurch existentiell frustriert zu werden. Das kann zur Selbstentfremdung führen. Wir erkennen uns nicht mehr, weil wir das Leben leben, das andere für uns gewählt haben oder wir haben uns für ein Leben entschieden, das uns anfangs sicherer erschienen ist. Auf Dauer allerdings stellen wir fest, dass es nicht das ist, was uns glücklich macht. Egal, ob es uns gelingt die Dinge zu ändern (und manchmal kann dies schwierig sein): Wichtig ist es, sich stets zu fragen, ob wir so leben, wie wir es uns vorgestellt haben und ob wir etwas machen können, um das zu ändern, was uns unglücklich macht. Allein dieser Denkprozess kann in uns Wunder wirken. Das Wort Prozess kommt aus dem Lateinischen „procedere“, „vorwärts gehen“, also stellt schon einen ersten Schritt vorwärts in Richtung Veränderung dar. Wie alle Prozesse erfolgt die Veränderung nicht von heute auf morgen, sondern verlangt Zeit und innere Reife. Wunderschön schrieb Rilke über die Geduld:

„Man muß den Dingen

die eigene, stille,

ungestörte Entwicklung lassen,

die tief von innen kommt,

und durch nichts gedrängt

oder beschleunigt werden kann;

alles ist austragen – und

dann gebären….“

Rainer Maria Rilke

Ein Buch kann helfen

Viktor Frankl sprach von einem Sinnlosigkeitsgefühl, welches mit einem existentiellen Vakuum verbunden ist. In seinem Festvortrag zur Eröffnung der Buchwoche `75 in der Wiener Hofburg beschrieb er, wie eine gute Lektüre den Stress des Alltags erleichtern kann. Für ein Buch muss man sich entscheiden, man muss es kaufen oder entleihen, man muss es lesen, durchblättern und sich Gedanken darüber machen. Man muss sich einfach Zeit dafür nehmen, was uns dazu führt, eine Zeit lang unsere Gedanken vom alltäglichen Stress wegzulenken. Das Lesen trägt dazu bei, zu sich zu kommen und sich zu besinnen. Ein Buch hilft uns, von der Peripherie zum Zentrum zu kommen.

Wir rücken in den Vordergrund. „Es (das Buch ) entlastet uns vom Leistungsdruck, von der Vita activa, und ruft uns zurück in die Vita contemplativa, ins beschauliche Dasein, wenn auch nur von Zeit zu Zeit“.[2]

Viktor Frankl

Jedes Mal, wenn wir ein Buch aufschlagen, beginnen wir eine Reise und erforschen ein neues Universum (wie Marguerite Duras sagte). Ich möchte mit einem Zitat von Jorge Bucay, dem bekannten argentinischem Autor und Psychiater schließen:

„Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen – Erwachsenen, damit sie aufwachen“.  

Jorge Bucay

Über die Autorin Alessia Battaglia

Ich schreibe und philosophiere aus Leidenschaft. Das Recherchieren und das Schreiben sind Teil meines Alltags. Seitdem ich mein Studium der Philosophie an der AAU Klagenfurt begonnen habe, vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht mit philosophischen Themen beschäftige. Als gebürtige Italienerin stellt für mich ein Studium der Philosophie in deutscher Sprache eine echte Herausforderung dar, aber meine Herkunft aus der Toskana, Heimat der Kultur und der Kunst, hilft mir dabei, geistig eine Brücke zu schlagen und erleichtert mir dieses intellektuelle Abenteuer.

Ich habe bereits von klein auf begonnen, mir Fragen über das Leben zu stellen. Berühmte Persönlichkeiten wie Dante Alighieri, Lorenzo il Magnifico oder Giordano Bruno haben meine Schuljahre begleitet und mein Denken beeinflusst.
Beruflich bin Ich bin seit vier Jahren Projektmanagerin in Klagenfurt. Vorher war ich fast 15 Jahre lang im Finanzwesen in internationalen Unternehmen tätig. Ich bin Mutter von zwei Mädchen.

Darüber hinaus bin ich Lehrende und Vortragende bei der Dante Alighieri-Gesellschaft.
Vor kurzem habe ich begonnen beim Mädchenzentrum Klagenfurt mitzuarbeiten, weil ich der Meinung bin, dass in Frauen das Potenzial für eine stärkere und gerechtere Gesellschaft liegt.

Quellenangaben:

[1] Kitzler, Albert (2016): Denken Heilt! Philosophie für ein gesundes Leben. München: Drömer Verlag. S.47

[2] Frankl,Viktor E. (2017): Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn. München: Piper Verlag. S. 19