Eva Gruber-Letz, MA BA u. Dr.in Ute Liepold
„Fempower meets Artbusiness“: Interview mit Ute Liepold von Eva Gruber-Letz

Frauen sollen als Teil des Lebens mit ihrem Input präsent sein. Es geht darum, sich Kompetenzen anzueignen und diese auch zu präsentieren, dafür gerade zu stehen und dafür etwas zu fordern.
Dr.in Ute Liepold, Regisseurin, Intendantin, Autorin und Gender Philosophin

„Fempower meets artbusiness“ – Engagierte Frauen in der Kärntner Kulturszene

Wenn du in Kärnten im Kulturbereich tätig sein willst, musst du selbst aktiv werden. Mit diesem Leitsatz starte ich meinen neuen Lebensabschnitt in Klagenfurt, nachdem ich die letzten 10 Jahre in Wien gelebt und mich sowohl beruflich als auch privat mit Kunst beschäftigt habe. So kam ich auf die Idee, in Zusammenarbeit mit dem Business Frauen Center, eine Interview-Reihe über engagierte Frauen in der Kärntner Kulturszene zu starten. Im Zuge dessen sind überaus interessante und inspirierende Gespräche mit starken Frauen entstanden, die ihren beruflichen Weg erfolgreich in der Kunst- und Kulturbranche gegangen sind. Sie finden hier nicht nur Gespräche über Kunst, sondern auch Geschichten über Frauen, die ihr Leben selbst bestimmen.

Den Anfang der Interview-Reihe bildet die bemerkenswerte Autorin, Regisseurin, Theaterleiterin und Gender-Philosophin Dr.in Ute Liepold. 

Sie sind Gender-Philosophin, Autorin, Theaterleiterin und Regisseurin. Inwiefern beeinflusst Ihre wissenschaftlich-universitäre Seite Ihre kreative Theaterarbeit?

Diese zwei Arbeitsbereiche von mir greifen direkt ineinander. Ich habe meine Abschlussarbeiten in feministischer Philosophie geschrieben, d. h. das philosophisch-feministische Wissen ist die Basis meines Tuns und speist jede meiner Arbeiten. Ich klopfe ein Theaterstück immer auf Genderfragen ab: Wie gehe ich mit der Sprache um? Besetze ich das Stück von einem männlichen Autor, dessen Stück männliche Rollen vorsieht, rein weiblich? Ich versuche zu intervenieren und eine Gerechtigkeit herzustellen bzw. eine Irritation zu erzeugen, indem Frauen unkommentiert Männerrollen spielen. Ich versuche immer den Weg des Paradoxen zu gehen. Mein Schlagwort ist „Subversion durch Affirmation“ – also die Übertreibung oder Bestärkung des Bestehenden. Das sind natürlich komplexe, theoretische Fragen bei der Herangehensweise an ein Theaterstück, aber die philosophische Seite hilft mir sehr in meiner Arbeit Klarheit und Struktur zu finden.

Die Kärntner Kulturszene und ihre Entscheidungsträger sind immer noch männlich dominiert. Die Auflösung dieser festgefahrenen Strukturen geht leider nur sehr langsam vonstatten. Was muss sich Ihrer Meinung in unserer Gesellschaft verändern, damit mehr Frauen die Rolle der Entscheidungsträgerin übernehmen?

Das ist eine große und auch langwierige Frage. Ich glaube, das Thema muss ein politisches Projekt sein. Dieser politische Wille, Frauen in Entscheidungspositionen zu bringen muss von oben kommen. Unter Johanna Dohnal als Frauenministerin gab es ein Bekenntnis zu frauenpolitischen Maßnahmen. Sie hat gekämpft und unglaublich viel für Frauen erreicht. Nach ihr sind eigentlich nicht viele Frauen mit dieser Vehemenz und Klarheit nachgekommen. Es braucht ganz klar die Quote oder mehr. Es gibt überall kompetente Frauen. Aber solange Männer in den Entscheidungsstrukturen sitzen, ist das ein Problem. Männer werden den Männeranteil nie reduzieren. Deshalb braucht es politische Konzepte dazu. Und Frauen müssen es weiter vehement fordern. Frauenministerinnen müssen diese Agenden übernehmen.

Es braucht mehr Frauen wie Alma Zadić in der Politik.

Ja das stimmt. Leider ist sie nicht Frauenministerin, aber sie ist ein Role Model und sie ist sehr klarsichtig. Frauenpolitisch steht Österreich gerade gar nicht gut da, da sich die Frauenministerin hauptsächlich um Gewaltschutz kümmert. Das ist aber nicht das einzige Thema. Frauenpolitik wird immer in die soziale Richtung betrieben. Es gibt aber ganz viele andere Bereiche, z.B. die Kulturbranche. Da kümmert sich niemand darum, dass Frauen kaum Leitungsfunktionen haben und viel schlechter verdienen. Dass das Theater eine patriarchale Institution sondergleichen ist, glaubt man gar nicht. Alle meinen immer, das Theater sei so frei und offen, weil man das von den Inhalten ableitet. Aber als Apparat ist es zutiefst patriarchal, autoritär und hierarchisch.

Traditionelle Geschlechterklischees sind in Kärnten sehr fest verankert. Was kann Ihrer Meinung nach die Kunst dazu beitragen, diese Geschlechterklischees aufzubrechen?

Ich beschäftige mich schon lange damit und versuche zu intervenieren und Bewusstsein zu schaffen. Das ist aber nicht genug. Es ist immer die politische Komponente. Es geht um Macht, es geht um Geld, es geht um Positionen. Natürlich kann man versuchen, das Bewusstsein über die Kunst zu verändern. Das ist auch meine Aufgabe, die ich wahrnehme.

Sie haben einmal gesagt, dass es Ihr Ziel sei, „Frauen als Gestalterinnen des gesellschaftlichen Lebens in Kärnten bewusst zu machen“. Welche Ansprüche haben Sie v. a. an junge engagierte Frauen, die diese Gestalterinnen-Rolle einnehmen sollen?

Frauen sollen als Teil des Lebens mit ihrem Input präsent sein. Sie müssen mit dem was sie leisten sichtbar sein. Es geht darum, sich Kompetenzen anzueignen und diese auch zu präsentieren, dafür gerade zu stehen und dafür etwas zu fordern.

Viele Frauen sind viel zu bescheiden, zurückhaltend und wollen nicht anecken. Das steckt sehr tief in uns Frauen drin.

Genau, Frauen müssen selbstbewusster werden. Maria Tusch, eine Vorkämpferin, die erste Kärntner Nationalratsabgeordnete und Tabakarbeiterin aus Klagenfurt, hat jede ihrer Reden damit beschlossen, dass sie gesagt hat „Frauen, ihr müsst selbstbewusster werden“. Das gilt noch heute. Forderungen stellen, selbstbewusst auftreten, nicht immer in die zweite Reihe zurücktreten.

In unserer stetigen Weiterentwicklung orientieren wir uns oft an sog. Role Models. Sie haben vor ein paar Jahren das Buch „Kärnten weiblich.“ geschrieben, in dem Sie 150 engagierte Frauen porträtieren, die das Land geprägt oder verändert haben. Wer sind Ihre Role Models?

Ich habe Simone de Beauvoir immer sehr für ihr Werk und ihren scharfen Verstand bewundert. Ich habe feministische Philosophie bei Ingvild Birkhan studiert, sie war sehr wichtig für meinen weiteren Weg, denn sie ist eine kluge und sehr selbstständig denkende Frau. Mich haben Mut, die Kraft des eigenständigen Denkens und eine unabhängige Urteilskraft immer schon sehr beeindruckt. In dem Sinne finde ich auch immer noch Johanna Dohnal großartig. Sie war ein berührender Mensch aus einfachen Verhältnissen mit einer unglaublichen Stärke und Konsequenz.

Nun tauchen wir in die märchenhafte Welt des Theaters ein. Eine Fee sucht Sie auf und bietet Ihnen an, die Kulturlandschaft in Kärnten frei nach Ihren Vorstellungen zu gestalten. Was würden Sie sich wünschen?

Ich würde ausnahmslos alle Theater mit Frauen besetzen. Und es gäbe eine Männerquote – das würde ich also umdrehen. Ich würde Frauen auswählen, die eine emanzipatorische Agenda haben und in dem Sinne möglichst frei und offen für zeitgenössisches, postkolonialistisches, antirassistisches, migrantisches Theater sind – also ein vielstimmiges Theater. So wie unsere Institutionen und Theater besetzt sind, repräsentieren sie die Gesellschaft in keiner Weise. Ich möchte einen Reflexionsraum für zeitgenössisches Leben haben, kuratiert von Frauen.

Das Theater Wolkenflug agiert ohne fixe Spielstätte. Stattdessen bringen Sie das Theater an verschiedenste Orte, die zu den jeweiligen Projekten passen. Gibt es für Sie die eine Traum-Location, an der Sie einmal ein Theaterstück umzusetzen möchten?

Ich war schon an vielen Orten, im Wappensaal, im Sitzungssaal der Landesregierung, am Magdalensberg, am See in der Villa Miralago, an vielen Orten in Kärnten. Ich denke, es müsste auf einem Berg sein. Ich spiele oft Outdoor. Da entstehen Eindrücke, die kriegt man in einem Theaterhaus nicht zu fassen. Das sind auch immer riskante Unternehmungen, weil es von der Organisation schwierig ist. Aber gerade dem gehört meine Leidenschaft, weil das Ganze dadurch so unkontrollierbar und auch vielseitig wird.

Eva Gruber-Letz, BA MA
Kunsthistorikerin
Kontakt: eva.gruberletz@gmail.com

 

 

Ute Liepold – Foto © Puch Johannes

Zur Person:
Ute Liepold (geb. 1965 in Bregenz) ist eine österreichische Regisseurin, Autorin, Gender-Philosophin und Intendantin von Theater Wolkenflug. Sie studierte Philosophie, Germanistik, Publizistik und Soziologie in Wien und Klagenfurt. Ihr Arbeitsschwerpunkt ist Feminismus und Gender-Theorie. Neben journalistischen Tätigkeiten, der Durchführung diverser Studien und einem Lehrauftrag an der Universität Klagenfurt schreibt sie seit 2001 Theaterstücke sowie Drehbücher und führt Regie. Gemeinsam mit ihrem Mann Bernd Liepold-Mosser gründete sie das Theater Wolkenflug. Ute Liepold hat 3 Töchter und lebt in Klagenfurt.

Dr.in Ute Liepold ist seit 2013 Leiterin des „THEATER wolkenflug“.
www.wolkenflug.at