„Fempower meets Artbusiness“: Interview mit Christine Wetzlinger-Grundnig von Eva Gruber-Letz

„Es ist für Frauen ganz wichtig einfach mal reinzuspringen, auch in Aufgaben, denen sie sich eigentlich nicht gewachsen fühlen. Mit der Leistung wächst dann auch das Selbstbewusstsein und natürlich auch die finanzielle Unabhängigkeit.“ Dr.in Christine Wetzlinger-Grundnig, Direktorin des Museums der Modernen Kunst

„Fempower meets artbusiness“ – Engagierte Frauen in der Kärntner Kulturszene

 

In der zweiten Ausgabe der Interview Reihe „Fempower meets Artbusiness“ spricht Eva Gruber-Letz mit der Direktorin des Museums der Modernen Kunst, Mag.a Christine Wetzlinger-Grundnig. Die couragierte Kunsthistorikerin erzählt, wie sie ihre persönlichen Herausforderungen meisterte und daran wuchs, wie wichtig es ist, bereits in jungen Jahren mit dem Schönen der Künste in Berührung zu kommen, und wie entscheidend der Blick über den Horizont ist.

Sie gehören zu den wenigen weiblichen Führungskräften in Kärnten. Wie wurden Sie Direktorin des Museums Moderner Kunst Kärnten?

Ich habe in Graz Kunstgeschichte mit dem Schwerpunkt auf zeitgenössische Kunst bei Prof. Wilfried Skreiner studiert. Während des Studiums habe ich bereits mein erstes Kind bekommen und war, nach kurzer Ehe, alleinerziehend. Ich erwähne das, weil es meinen Werdegang maßgeblich beeinflusst hat. Denn nach der Scheidung war ich auf mich alleine gestellt und musste mein Studium selbst finanzieren. Ich habe aber stets ganz bewusst nur Jobs im Bereich der Kunst angenommen.

Ich war u.a. in der Neuen Galerie und am Institut für Kunstgeschichte angestellt, machte Führungen und ich habe zu diesem Zeitpunkt bereits auch publizieren können. Mit diesen Voraussetzungen fand ich gleich nach meinem Abschluss eine Anstellung als Kunsthistorikerin an der Kärntner Landesgalerie in Klagenfurt. Ich wurde dann relativ schnell stellvertretende Leiterin des Hauses. Im Jahr 2004 bin ich in die Kulturabteilung des Landes gewechselt und war als Sammlungsleiterin tätig. Ich habe dann zwei weitere Kinder bekommen und war für vier Jahre in Karenz. In dieser Zeit wurde mir die Leitung des Museums angeboten. Nach längerem Überlegen und einigen Zweifeln habe ich die Stelle angenommen, denn mir war bewusst, dass ich diese Gelegenheit ergreifen muss, sollte ich wieder in meinen Beruf zurückkehren.

Natürlich muss man für eine Führungsposition neben der fachlichen Qualifikation auch gewisse andere Fähigkeiten, sogenannte Soft Skills, besitzen, aber es ist weit weniger schwierig als man denkt. Ich sage das, weil sich viele Frauen so eine Position von vornherein nicht zutrauen und lieber in der zweiten Reihe agieren. Grundsätzlich war das auch bei mir so. Aber durch das Zutrauen der anderen wurde ich herausgefordert. Es ist für Frauen ganz wichtig einfach mal reinzuspringen, auch in Aufgaben, denen sie sich eigentlich nicht gewachsen fühlen.

Mit der Leistung wächst dann auch das Selbstbewusstsein und natürlich auch mit der finanziellen Unabhängigkeit, die damit einhergeht. Es ist wichtig, dass Frauen selbstständig im Leben stehen und von niemandem abhängig sind, denn nur ein unabhängiger Mensch ist im Denken und in seinen Entscheidungen frei. Jeder Mensch sollte für sich in jeder Lebenslage aus freiem Herzen unabhängig entscheiden können. Das kann man nur, wenn man auch finanziell unabhängig ist.

Meiner Erfahrung nach gibt es immer noch zu viele Menschen, die Hemmungen haben, in ein Museum zu gehen und sich auf Kunst einzulassen. Worin sehen Sie die Herausforderungen, einer breiten Öffentlichkeit Kunst näherzubringen?

Ich glaube, das Problem liegt in unserem Bildungssystem. Kunst und Kultur haben einen geringen Stellenwert. Wenn Kinder und Jugendliche keinen Bezug zu Kunst und Kultur entwickeln können und diese nicht als bedeutende Lebensbestandteile wahrnehmen, dann funktioniert das später nur mehr in den geringsten Fällen.

Für mich ist die Kunstvermittlung im Museum ein ganz wichtiger Bereich. Wir versuchen bereits im Kindergartenalter anzusetzen und bieten viele verschiedene Programme an. Auch für den gesamten Schulbereich haben wir angepasste Formate und versuchen gute Kontakte zu den BE-Lehrer*innen aufzubauen bzw. zu halten. Wir machen Programme für alle Altersstufen. Es gibt z.B. sogar Yoga im Museum, Führungen für demenzkranke Personen und unterschiedliche Inklusionsveranstaltungen. Grundsätzlich müssen die Menschen aber irgendwann die Erfahrung gemacht haben, Kunst als etwas zu sehen, das das Leben bereichert, zum Denken anregt oder auch einfach etwas Positives, Schönes sein kann, sonst fruchten auch unsere Bemühungen wenig.

Derzeit sind Themen wie – ich nenne hier ein paar Schlagworte – Female Empowerment, Nachhaltigkeit, Klimawandel, Migration – aus guten Gründen omnipräsent. Inwiefern beeinflussen diese Themen Ihre Ausstellungs-Auswahl?

Diese Themen sind meist schon in der künstlerischen Arbeit brisant, bevor sie als allgemeiner öffentlicher Diskurs ganz durchschlagen. Und damit sind sie klarerweise auch früh für unser Haus relevant, das aktuelle gesellschaftspolitische Fragestellungen im Programm berücksichtigt. Zurzeit machen wir drei große Ausstellungen im Jahr: eine Personalausstellung, eine Sammlungsausstellung und eine Themenausstellung.

Für die Themenausstellungen laden wir jeweils um die 20 junge Künstler*innen ein, die virulente Fragestellungen wie z. B. zum Thema Urbanität oder Umwelt bearbeiten. Die Themenausstellungen sind für uns auch wichtig, weil wir in diesem Rahmen nicht nur Kärntner Künstler*innen präsentieren, sondern auch weiter ausgreifen und österreichische aber auch internationale Künstler*innen einladen. Somit erfüllen wir nicht nur unseren regionalen Auftrag, sondern kommen auch der Aufgabe nach, aktuelle zeitgenössische Positionen von internationaler Relevanz vorzustellen.

Nehmen wir an, Sie bekommen von einer seriösen Kunstgönnerin 3 Mio. Euro für das Museum und können frei darüber verfügen. Was würden Sie mit dem Geld machen?

Das ist eine schwierige Frage, weil es so viel zu tun gäbe. Zuerst würde ich das Museum IT- und personalmäßig auf einen Stand bringen, der internationalen Museumsstandards entspricht. Davon wäre vor allem die Sammlung aber auch die Besucher*innenkommunikation betroffen. Dann würde ich eine*n Restaurator*in und jemanden für die Öffentlichkeitsarbeit anstellen.

Wir könnten uns auch kostspieligere (prominentere) Ausstellungen (und Ankäufe) leisten. Des Weiteren würde ich mir eine bessere Sichtbarkeit des Museums und eine Verbesserung der Zugangssituation – mit einer großzügigen Zufahrt, größerem Lift, Parkplätzen – und natürlich ein größeres Depot wünschen. Ich hätte auch gerne einen eigenen Ausstellungsaum, in dem ich ganz unkompliziert und spontan kleine Projekte umsetzen könnte.

Es geht nichts über das Betrachten eines Kunstwerkes im Original. Nur so kann man dessen Ausstrahlung und Aussagekraft tatsächlich wahrnehmen. Nun leben wir leider gerade inmitten einer globalen Pandemie und die Museen werden regelmäßig geschlossen. Also braucht es alternative Denkansätze, um Kunst konsumieren zu können. Was ist Ihre Meinung dazu?

Ich kann Ihnen nur beipflichten. Ich glaube auch, dass man der Kunst, und vor allem jener, die wir präsentieren, im Original begegnen muss. Wenn das nicht möglich ist, muss man andere Formate finden. Und das ist wiederum eine Frage der Ressourcen und – wiederum davon abhängig – der Kompetenzen. Während des Lockdowns stellen wir unsere Ausstellungen digital auf unserer Homepage vor. Wir vermitteln die Ausstellungen über fotografische Ansichten der Räume und stellen jeden Tag eine künstlerische Position mit Bild und Text vor. Und es gibt ein virtuelles Kreativprogramm. Diese digitale Ebene ist gut für Zeiten, in denen man nicht die Möglichkeit hat, sich real vor Ort zu befinden, aber es ist kein Ersatz.

Wie auch in vielen anderen Lebensbereichen haben es weibliche Künstlerinnen immer noch schwerer sich am Kunstmarkt erfolgreich zu positionieren und Anerkennung für Ihr Werk zu erhalten als Männer. Wie erklären Sie sich das und wie können wir dem entgegenwirken?

Grundsätzlich möchte ich da zwischen Kunstbetrieb und Kunstmarkt unterscheiden. Im Kunstbetrieb weiß ich nicht, ob das überwiegend immer noch so ist. Da ist heute einiges im Umbruch. Es hat sich auch etwas dadurch geändert, dass es heute viele weibliche Führungskräfte im Kunstsektor gibt. Für uns ist es selbstverständlich, dass wir Künstlerinnen genauso einladen wie Künstler. Wenn ich unseren Sammlungsbereich betrachte, kaufen wir nicht mehr Kunstwerke von Männern als von Frauen. Aber nicht nur, weil wir das so nicht möchten, sondern, weil das Angebot von den Künstlerinnen in bester Qualität da ist. Ich muss aber sagen, dass ich bestimmt mehr Einzelausstellungen von männlichen Künstlern kuratiert habe als von weiblichen. Das hängt damit zusammen, dass Einzelausstellungen arrivierte und damit ältere Künstler*innen betreffen und das sind häufiger (in dieser Generation) noch Männer.

Gerade die Künstlerinnen in der 2. Hälfte des 20. Jh. mussten sich Ihre Stellung und Anerkennung ja erst erkämpfen.

In Kärnten waren es letztlich nur Maria Lassnig und Kiki Kogelnik, die sich über die Jahre erfolgreich durchsetzen konnten. In den jüngeren, darauffolgenden Generationen gibt es schon bedeutend mehr.

Ich habe viele Jahre in Wien gelebt, wodurch ich mir einen neutralen bzw. kritischen Blick „von außen“ auf die Kulturszene in Kärnten angeeignet habe. Auch Sie haben das im Zuge der von Ihnen kuratierten Ausstellung „Das andere Land. Kärnten | Koroška in Wort und Bild.“ im Jahr 2018 gemacht. In diesem Zusammenhang fiel der Satz: „In Kärnten wird viel und gerne über Kärnten nachgedacht“. Können Sie diese Aussage etwas ausführen?

Der Gedanke wird dadurch befeuert, dass der Blick oft nicht weiter als bis zur eigenen Landesgrenze reicht. Viele Menschen öffnen ihren Blick nicht für eine globale Sichtweise, sondern lassen ihn gerne nur im Kleinen schweifen. Bei vielen Problematiken wird ein verharrender Standpunkt eingenommen, ohne sich zu öffnen oder gar zu konfrontieren. So muss man seine Meinung nicht reflektieren und nichts verändern. Das ist ein bequemer Weg, den man sehr gerne wählt.

Eva Gruber-Letz, BA MA
Kunsthistorikerin
Kontakt: eva.gruberletz@gmail.com

 

 

Zur Person:
Christine Wetzlinger-Grundnig (geb. 1966 in Klagenfurt) ist eine österreichische Kunsthistorikerin. Seit 2010 ist sie Direktorin des Museums Moderner Kunst Kärnten. Sie studierte Kunstgeschichte in Graz mit dem Schwerpunkt auf zeitgenössische Kunst. Bereits seit 1996 war Christine Wetzlinger-Grundnig stellvertretende Leiterin der Kärntner Landesgalerie und seit 2003 Leiterin der Kunstsammlung des Landes Kärnten. Sie hat zahlreiche Publikationen im Bereich der zeitgenössischen Kunst veröffentlicht. Christine Wetzlinger-Grundnig hat 3 Kinder und lebt in Klagenfurt.

Mag.a Christine Wetzlinger-Grundnig ist Leiterin des Museums für Moderne Kunst in Kärnten
www.mmkk.ktn.gv.at