“FEMPOWER MEETS ARTBUSINESS”: INTERVIEW MIT ULLI STURM VON EVA GRUBER-LETZ

„Für mich ist eine Arbeit gut oder nicht gut, hat einen Hintergrund, der sich mir eröffnet oder nicht. Kunst ist für mich weder feministisch, noch ist sie nicht-feministisch, sie ist nicht männlich und sie ist nicht weiblich.“

Ulli Surm, Leiterin des Kunstbüro Sturm

“Fempower meets artbusiness” – Engagierte Frauen in der Kärntner Kulturszene

In der dritten Ausgabe der Interview Reihe „Fempower meets Artbusiness“ spricht Eva Gruber-Letz mit der erfolgreichen Kulturmanagerin und Kunsthistorikerin Ulli Sturm. Im Interview erzählt sie davon, dass sich ihr Mut ausgezahlt hat, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Auch heute noch versucht sie Brücken zu bauen und Menschen in Kunstprojekte miteinzubinden um das Bewusstsein für zeitgenössische Kunst zu steigern.

Sie sind eine erfolgreiche Kulturmanagerin, Kuratorin, Gastprofessorin an der Universität Klagenfurt und haben bereits vor vielen Jahren den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Wie kam es zur Gründung des Kunstbüro Sturm?

Nach dem Studium der Kunstgeschichte habe ich Museumspädagogik studiert und bereits zu diesem Zeitpunkt an vielen Projekten gearbeitet. Ich habe dann zehn Jahre lang das Künstlerhaus in Klagenfurt geleitet. Danach beschloss ich meinen eigenen Weg zu gehen und mich selbstständig zu machen. 2008 habe ich das Kunstbüro Sturm gegründet, in der Hoffnung, vielfältiger arbeiten zu können. Ich wollte nicht nur den kuratorischen Bereich abdecken, sondern auch mehr publizieren und mit anderen Kultursparten zusammenarbeiten. Darüber hinaus wollte ich im Bereich Wirtschaft und Kultur Vernetzungsarbeit leisten. Das war meine Grundidee. Ob es klappt, wusste ich damals nicht. Aus heutiger Sicht war es diesen Versuch wert.

Wir beamen uns jetzt ins Jahr 2030. Was wird sich im Idealfall durch Ihre Arbeit als Kunst- und Kulturmanagerin hier in Kärnten verändert haben?

Ich hoffe mit einzelnen Projekten und meiner Vermittlungsarbeit die Akzeptanz und das Bewusstsein für zeitgenössische Kunst zu steigern. Ich möchte einen Beitrag leisten, um die Relevanz, die dieser Bereich in unserem Leben hat, entsprechend deutlich zu machen. Corona hat das Gefühl des Verlustes, nicht ins Theater, eine Ausstellung oder ein Konzert gehen zu können, deutlich hervorgehoben. Aber man muss sich darum bemühen, diese Neugierde und Lust, etwas zu erleben und nicht nur im Streaming zu konsumieren, zu erhalten.

Private Kunstsammler*innen erlangen immer größere Bedeutung in der Kunstbranche. Gerade im Bereich der zeitgenössischen Kunst gibt es bzw. entstehen unglaublich spannende Sammlungen, die eine Ergänzung zu den Museen bilden, wenn sie öffentlich präsentiert werden. Immer häufiger bauen auch Unternehmen und Städte und Gemeinden eigene Kunstsammlungen auf. Was ist deren Motivation?

Bei privaten Kunstsammler*innen müssen definitiv die Leidenschaft und das Interesse an der zeitgenössischen Kunst da sein. Es geht aber natürlich auch um Wertsteigerungen. Die öffentliche Hand hingegen hat einen allgemeinen Kulturförderungsauftrag. Wenn sie dem gut nachgekommen ist, dann hat sie eine Rendite, die sonst mit nichts zu erzielen ist. Natürlich muss man etwas davon verstehen, aber man kann ja jemanden beauftragen, der etwas davon versteht. Das deckt sich wieder bei den privaten und den öffentlichen Sammlungen. Beide Möglichkeiten gibt es und beide haben das gleiche Ziel, nämlich hochwertig und intelligent zu kaufen und gleichzeitig das Überleben und die Weiterentwicklung der Künstler*innen zu unterstützen.

Haben Sie in Ihrer bisherigen beruflichen Laufbahn mit zeitgenössischen feministischen Künstlerinnen gearbeitet?

Ich habe ein Problem mit diesen Kategorisierungen, nicht mit feministischen Zugängen natürlich, aber mit Schubladen. Für mich ist eine Arbeit gut oder nicht gut, hat einen Hintergrund, der sich mir eröffnet oder nicht. Ich werte das viel weniger in diesem Kontext und versuche auch ehrlich gesagt einen Bogen darum zu machen. Ich wurde immer wieder nach Frauen-Kunstausstellungen gefragt und habe über Jahrzehnte kontinuierlich geantwortet, dass ich keine Männer-Kunstausstellungen und keine Frauen-Kunstausstellungen mache. Es kann sein, dass es einmal für mich passt, weil es ein explizites Thema gibt, bei dem ich sage, dass ich mir dafür nur Frauen wünschen würde. Aber grundsätzlich hat in meiner Wahrnehmung und Leidenschaft zu Kunst dieser Unterschied keinen Platz. Für mich ist Kunst weder feministisch, noch ist sie nicht-feministisch, sie ist nicht männlich und sie ist nicht weiblich.

Die Kunst von Valie Export empfinden Sie nicht als feministisch?

Ja natürlich, aber das ist ein Zeitdokument. Die Leistung von Valie Export liegt in der Provokation und die muss man in einem gewissen Zeithorizont sehen. Da gehört auch Johanna Dohnal mit ihrer Politik dazu und vieles mehr. Aus meiner Sicht gibt es heute keine Tabus mehr die man brechen kann wie es Valie Export konnte. Wie soll man das heute noch hinkriegen? Wo sind die Tabus? Nacktheit ist keines mehr. Es gibt alles. Sie sehen heute in der Werbung mehr Tabubrüche als es sich die Künstlerinnen in den 1960er Jahren vorstellen konnten.

Welche zeitgenössischen Künstlerinnen haben Ihr Herz erobert?

Ich könnte hier viele Künstlerinnen quer durch alle Generationen aufzählen, z. B. Maria Lassing, Valie Export, Rebecca Warren, Esther Stocker, Eva Schlegel, Julie Hayward oder Katharina Schmidl. Es geht mir bei diesen Künstlerinnen und ihren Arbeiten nicht um Erfolg, sondern um ganz persönliche, subjektive Einsichten, Erkenntnisse und Zugänge, die ich gewinnen konnte und die mich auch ein Stück vorangebracht haben.

In Gesprächen über zeitgenössische Kunst stoße ich sehr oft auf die Aussage „Das ist Kunst? Das kann ich auch“. Als Kuratorin und Kunstmanagerin waren Sie sicher auch schon damit konfrontiert. Wie entgegnen Sie solch einer Behauptung?

Ich glaube es funktioniert über Brücken bauen. Man muss den Menschen einen niederschwelligen Zugang ermöglichen, wo sie lernen mit zeitgenössischer Kunst umzugehen. Es fehlt bereits ganz früh der Zugang dazu. Die Schule hätte da einen wichtigen Bildungsauftrag und auch die Wege, die Museen und Galerien in der Vermittlung beschreiten, sind sehr wichtig, damit die Menschen sich leichter tun und dieses unsinnige Argument dann von selber nicht mehr aufkommt. Ich habe im Künstlerhaus immer geantwortet: „Sie sind bestimmt mit der Kutsche da, weil ein Auto wird es wohl nicht sein“. Die meisten haben dann verstanden, was ich damit meine. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass, wenn man den Leuten die Tür aufmacht, dann bleiben sie auf diesem Weg und lernen sukzessive ihr eigenes Urteil zu schärfen, ihre Subjektivität zuzulassen und sich dafür begeistern zu lassen. Aber diese Möglichkeit muss man ihnen bieten und man darf keine Arroganz an den Tag legen und sagen: „Was, Sie verstehen das nicht?“, sondern man muss eine Möglichkeit der Vermittlung finden, um diese Gräben zuzuschütten.

Ich kann mir auch vorstellen, dass dieses Argument als eine Art Schutzschild benützt wird, um eine Unsicherheit zu verbergen, da es manchen Menschen unangenehm ist, dass sie nichts Kluges dazu zu sagen haben.

Ja, genau. Das ist auch ein Spezifikum der bildenden Kunst. Ich habe die Beobachtung gemacht, dass es in der Musik ganz anders ist. Sie werden auf kaum jemanden treffen, der nicht ganz klar zu seinem Musikgeschmack steht und sagt: „Ich liebe Jazz“, „Ich hasse die Oper“ oder „Die Volksmusik ist meins“. In der Kunst finden Sie das gar nicht. Hier fehlt der Mut, sich der Subjektivität zu stellen und zu sagen: „Das ist nicht meins. Das tut nichts mit mir“. Die bildende Kunst hat eine ebenso große Bandbreite zu bieten wie die Musik und trotzdem gibt es mentale Reservationen. Das ist mir nach so vielen Jahrzehnten immer noch ein Rätsel.

Das Thema „Kunst im öffentlichen Raum“ ist sehr wichtig. Es regt Menschen zum Nachdenken und zum Diskurs an. Sie organisieren u. a. auch Kunstwettbewerbe im öffentlichen Raum. Somit wissen Sie, dass solche Projekte sehr oft für Aufregung und Unverständnis bei den Bürger*innen sorgen. Warum ist das Ihrer Meinung nach so und gibt es ein Projekt, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Ich glaube, dass die Aufregung ganz simpel daraus entsteht, dass man sich nicht freiwillig damit konfrontiert. Über Kunst im öffentlichen Raum stolpert man und sucht es sich nicht aus. Dadurch entsteht manchmal Unmut darüber bzw. hält sich hartnäckig die Meinung es handelt sich um Geldvernichtung. Wichtig ist Kunst im öffentlichen Raum definitiv, weil sie den zeitgenössischen Aspekt untermauert. Klagenfurt hat diesbezüglich nicht sehr viel zu bieten. Das letzte was da gebaut wurde, war der Kiki-Kogelnik-Brunnen im Jahr 1997. Aus meiner Sicht wäre es aber extrem wichtig, weil die Kontroverse das Bewusstsein schärft. Die Konfrontation ist eine Chance, um sich zu begegnen und auszutauschen und neue Sichtweisen zu entdecken. Mein Mann Jochen Traar hat ein Projekt zu Kunst im öffentlichen Raum am Hauptplatz in Völkermarkt gemacht, zu dem ich ihn begleitet habe. Es handelte sich um die Übersetzung einer Pestsäule in Glaskuben, die mit Gläsern befüllt wurden. Er machte einen Aufruf, um Trinkgläser aus dem privaten Bereich zu sammeln. Es kamen über 3000 Gläser zusammen. Ich habe ihm damals geholfen diese einzuschlichten. Wir waren von Leuten aus der Bevölkerung umringt und manche haben gefragt: „Wenn ich jetzt noch nach Hause fahre und ein Glas hole, bin ich dann noch dabei?“ oder Kinder haben gerufen: „Dieses Glas ist von mir!“, manche haben ihren Namen in das Glas eingraviert. Das war eine der positivsten Reaktionen, die ich so hautnah miterlebt habe und es zeigt, dass dieser Prozess des Einbindens und der Interaktion sehr schöne Reaktionen hervorrufen kann.

Eva Gruber-Letz, BA MA
Kunsthistorikerin
Kontakt: eva.gruberletz@gmail.com

Kurzbiographie Ulli Sturm

Ulli Sturm (geb. 1964) ist eine österreichische Kunsthistorikerin und Kunstmaganerin. Sie studierte Kunstgeschichte und Museumspädagogik. Von 1997-2007 war sie als Geschäftsführerin des Künstlerhauses Klagenfurt tätig. 2008 gründete Ulli Sturm das Kunstbüro Sturm und bietet seitdem zielorientierte Lösungen zur Vermittlung und Positionierung von zeitgenössischer Kunst an, organisiert und koordiniert Kunstwettbewerbe im öffentlichen Raum, erstellt Gutachten zu Sammlungen und macht Kunstberatungen für Unternehmen. Nebenbei hat sie seit 2011 eine Gastprofessur am Institut für Kulturwissenschaften an der Universität Klagenfurt inne. Ulli Sturm hat eine Tochter und lebt in Klagenfurt.