Vera Led

„Oh Gott“ war die Reaktion einer Großtante, als sie vor mittlerweile Jahrzehnten endlich verstanden hatte, dass ich „etwas mit Technik“ studieren wollte. Dass es letztendlich „nur“ Informatik und damit ja nur der halbe Spaß ohne Blaumann und Schmiere an den Händen war, hat sie schon völlig ignoriert.
Viele Jahre später sind die Bilder nicht mehr ganz so scharfkantig, aber noch immer leben wir in einer Österreichischen Welt, in dem die Technik nur in der deutschen Sprache weiblich ist. Woher kommt das, dass in den Köpfen vieler Leute „Technik nichts für Frauen ist“ und wohin führt uns der eingeschlagene Weg als Gesellschaft?

Vorweg meine Antwort auf die zweite Frage als Spoiler: In die richtige Richtung, aber zu langsam.

Zurück zum Ausgangspunkt der aktuellen Lage. Ich habe bewusst die „Österreichische Welt“ geschrieben. Die Beschäftigungsquote von Frauen bzw. der Anteil von Frauen in Vollzeitanstellungen ist in den skandinavischen, wie auch den ex-kommunistischen Ländern höher als bei uns. Warum? In Skandinavien sind die Betreuungsangebote für Kinder flächendeckend und nicht nur in den urbanen Regionen gut, außerdem wird deutliches Einbringen der Väter aktiv von Staat und Betreuungseinrichtungen gefordert.  In den ehemals kommunistischen Ländern sind jeher die langen Karenzpausen unüblich, hinzu kommen wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die lange Auszeiten vom Beruf kaum „leistbar“ machen.

Die Österreichische Gesellschaft erscheint mir – wohl auch ob der langen Geschichte und Tradition, die wir als Nation und Nachfahren der Monarchie haben – nicht wahnsinnig veränderungswillig. Wir sind kein klassischer First Mover, weder im Schulsystem, noch in Themen des e-Governments oder des Arbeitsrechts. Es war also schon immer so, dass Männer die schweren Maschinen und Frauen den Herd bedient haben? Vielleicht war es das vor 50 Jahren. Muss es immer so bleiben? Nein, mitnichten.

Warum sind Frauen heute schon in der Technik?

Wir sind in unserem Haus ein Team von über 100 Leuten, der Frauenanteil liegt bei über 30%. Für die IT Branche ist das schon ganz erklecklich! Ich habe mich mal umgehört im Kreis meiner Mitarbeiterinnen und Freundinnen aus der Technik. Jede hat eine eigene, spannende Geschichte. Aber was wir alle gemeinsam haben ist, dass es in jungen Jahren da kaum jemanden gab, der gesagt hat „Das ist nichts für Dich!“, „Das machen Mädchen nicht!“. Viele wurden gar nicht ermutigt, sich in mathematische oder technische Bereiche vorzuwagen. Vielmehr wurden sie einfach NICHT GEBREMST. Es ist also meine tiefe Überzeugung, dass das Wertegefüge, die implizite Voreingenommenheit (unconscious bias) nicht unreflektiert und in aller Schieflage auf die Kinder übertragen werden darf. Also – Notiz an mich selber: brems kein Mädchen in der Neugierde, kaufe dem weiblichen Patenkind Lego technic, Kleidung in allen Farben des Regenbogens, aber weiß Gott nicht nur in rosa. Gehe mit den Söhnen zum Tanzen und mit den Mädchen in die Labore, sodass sich die Kinder unabhängig von ihrem Geschlecht, gemäß ihren Neigungen und Interessen entwickeln und entfalten können.

Der Optimist in mir geht davon aus, dass Generation um Generation weniger Mädchen und Frauen ihre Technikaffinität unterdrücken, dass die Anzahl Technikerinnen steigt. Bringt das dann mehr Wert oder mehr Stress?

Die platte Antwort in der abgekürzten Denke lautet: Gemäß vieler Studien erzielen gemischte Teams bessere wirtschaftliche Ergebnisse, also ganz klar: MEHR WERT.

Was wäre wenn…

Aber da gibt es mehr, viel mehr. Gerade in Zeiten, in denen wir so intensiv diskutieren über UI (User Interface, das maschinelle Gesicht sozusagen, mit dem der menschliche Benutzer interagiert), UX (User Experience, das Gefühl, das die Interaktion mit diesem User Interface auslöst) und Customer Journey (wie wird der Kunde in seinem Anliegen bis zu dessen Erledigung unterstützt) geht es darum, nicht nur die Zahlen am Ende der Bilanz zu verbessern, sondern auch die Produkte, die die Werte schaffen, aber auch die Prozesse, mit denen die Werte geschafft werden.

Werte schaffen, das wollen wir auch, indem wir immer wiederkehrende Arbeiten automatisieren. Selbst Entscheidungen und das Ziehen von Schlüssen, die anhand einer Fülle von Basisdaten erfolgen, können gut in KI (Künstliche Intelligenz) Systeme ausgelagert werden. Solche Systeme müssen trainiert, quasi angelernt werden, fast schon wie Kinder im Heranwachsen. Die Systeme werden gefüttert mit Daten, die Ergebnisgenauigkeit wird überprüft, es wird justiert, bis das System so ausgereift ist, wie wir uns das vorstellen. Trainieren wir das System mit falschen Daten (biased data), die historisch (und) unausgewogen sind (plakatives und [fast] aus der Luft gegriffenes Beispiel: vor 30 Jahren haben nur weiße Männer Kredite bewilligt bekommen) und justieren nicht nach, erhalten wir ein KI-System, das nicht im Sinne unserer gesellschaftlichen Werte arbeitet. (Nachzulesen auch bei Caroline Criado-Perez (Autor), Stephanie Singh (Übersetzer), 2020: Unsichtbare Frauen: Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert. btb Verlag)

Wenn wir nun aus unzähligen Studien wissen, dass Kinder weibliche und männliche Bezugspersonen und Role Models brauchen, ist es dann nicht eine zwingende Notwendigkeit, dass gemischte Teams KI Systeme trainieren?

Wenn wir Gadgets und Technik designen, die einer breiten Bevölkerungsschicht zugutekommen sollen, dann verlangt das zwingend nach einem diversen Team von Inputgebern und Referenzusern.

Wenn wir einen riesigen Bedarf an Arbeitskräften in technischen Bereichen haben, dann ist es doch schlicht fahrlässig, auf das Potential der weiblichen „Nerds und Geeks“ zu verzichten (siehe plakatives Video des AMS).

Wenn wir uns eingestehen, dass es lange nicht mehr nur Frauen sind, die flexible Arbeitszeitmodelle wollen, und dass in Zeiten von remote, hybrid und new work einzig Einschränkungen im Arbeitsrecht und in den Köpfen existieren – unabhängig von Geschlecht, Alter oder sexueller Orientierung, dann kann jeder mit den richtigen Fähigkeiten die Aufgaben übernehmen.

Wenn wir nur alle unsere festgefahrenen Denkmuster von Zeit zu Zeit hinterfragen, geschlechterspezifische Stereotypen über Bord werfen, Vertrauen schenken und Aufgaben verteilen, abhängig von Potential und nicht von Erfahrung oder Geschlecht, dann erreichen wir schnell eine Aufgabenverteilung in der Technik, die deutlich näher an unserer demographischen Verteilung ist als heute.

Wenn wir nur endlich realisieren, dass DIE DIGITALISIERUNG vielleicht nicht umsonst weiblich ist, dann sind wir alle schneller am Ziel, den Mehrwert von Frauen in der Technik auch auszuschöpfen!

Zur Autorin

Vera Led – Nerd, Absolventin der angewandten Informatik, Geschäftsführung bei UNiQUARE Software Development GmbH, BFC Vorstandsmitglied, Mitglied des Aufsichtsrats der Würth-Hochenburger GmbH
Mutter zweier Söhne im schulpflichtigen Alter