Sabine Herlitschka

Die Chancen waren noch nie so gut wie heute

Sabine Herlitschka, Vorstandsvorsitzende Infineon Technologies Austria AG, erzählt im BFC Interview über ihr Mindset, Inspirationen, persönliche Strategien und Visionen.

Wenn Sie auf ihren bisherigen Werdegang zurückblicken, was hat Sie am meisten geprägt?

Ganz klar Vielfalt. In der Ausbildung von der Biotechnologie über die Technik bis zur Betriebswirtschaft. Beruflich als Forscherin im Labor, als internationale Innovationsberaterin, als Vizerektorin und jetzt als Managerin. Unterschiedliche Themen, unterschiedliche Rollen – und alle habe ich mit viel Begeisterung übernommen. Diese Vielfalt hat mich gelehrt, unterschiedliche Perspektiven wahrzunehmen. Die aktuelle Aufgabe bei Infineon bietet die Möglichkeit, diese Erfahrungen miteinzubringen und jetzt die grüne und die digitale Zukunft mitzugestalten.

Was inspiriert die Topmanagerin Sabine Herlitschka, was die Privatperson?

Menschen, die interessant denken, mitunter querdenken, die begeistern und etwas bewegen. Neue Zugänge, (alt)bekannte Themen zu lösen. Und das Wachsen – ob selber an und mit Aufgaben, bei meinen Pflanzen, aber auch bei Fähigkeiten, aktuell mit der Musik – beim Hören und seit geraumer Zeit auch selber Musizieren.

Was fordert Sie aktuell und wie gehen Sie damit um?

Beruflich sind wir, Stichwort Chipmangel, mitten in einer hochspannenden, sehr dynamischen Phase in der Halbleiterbranche. Gesellschaftlich wird alles nach wie vor von der Corona-Pandemie und ihren medizinischen und gesellschaftlichen Folgen überlagert. Hier gilt es, die Balance zwischen erfolgreichem Wirtschaften und dem Hineinhören in das Unternehmen mit dem Sicherstellen aller erforderlichen Gesundheitsmaßnahmen zu managen und gleichzeitig Innovationen voranzutreiben. Dafür sind wir in unseren Teams gut aufgestellt.

Sie zeigen in vielen Vorträgen und Diskussionsrunden auf, dass Technologie ein wichtiger Beitrag zur Energiewende ist. Wie ist ihr persönlicher Zugang, ihre Vision, zu diesem Thema?

Der Klimawandel, der Ressourcenverbrauch und die Energiewende sind im buchstäblichen Sinn Lebensfragen, sogar Über-Lebensfragen. Sie prägen die Zukunft unserer Gesellschaft und unseres Planeten. Die Frage ist, wie wir mit mehr Nachhaltigkeit leben und was wir den nächsten Generationen hinterlassen wollen. Wir schaffen jetzt also in jedem Fall – mit unserem Tun aber auch unserem Nicht-Tun – die Basis für die Zukunft unserer Kinder und Enkel. Technologie wird dabei eine ganz zentrale Rolle spielen.

Sie sagen auch, dass man Chancen mutig ergreifen muss. Wie gehen Sie damit um, wenn aus Chancen Scheitern wird? Sind Fehler erlaubt?

Natürlich kenne ich Rückschläge. Mir gelingt nicht alles und ich kann auch nicht alles, was ich gerne können würde. Aber „Niederlage“ ist keine Kategorie in meinem Denken. „Sieg“ übrigens auch nicht. Das, was mir in den jeweiligen Situationen wichtig und richtig erschienen ist, habe ich getan und vielleicht an manchen Stellen auch weniger als andere darüber nachgedacht, wer was davon halten könnte oder ob das „üblich“ ist. Insofern bin ich immer meiner Begeisterung für Themen und Aufgaben gefolgt. Höhen und Tiefen gehören dazu. Wichtig ist zu reflektieren, nicht stehenzubleiben und sich weiterzuentwickeln. Und das tue ich auch heute. 

Wie gehen Sie mit Entscheidungen in schwierigen Situationen um?

Für mich ist der Anspruch wichtig, mich in der Situation gut vorzubereiten, immer die ein zwei, drei Schritte vorne weg zu denken, aber dann auch zu entscheiden – besser heute als morgen.

Welchen Anspruch stellen Sie an sich als Führungskraft?

Es ist nicht mein Anspruch überall dabei zu sein, dafür haben wir Expert*innen. Weil die meisten Fragen heute so komplex sind, geht Führen gar nicht ohne Expertise und Teamkonsens. Der einzelne Manager, der im „Cowboy-Stil“ entscheidet, ist kein zeitgemäßes Modell mehr. Mein Anspruch ist, dass die Leute verstehen, warum wir etwas tun. Als Topführungskraft ist es meine Aufgabe die Visionen und Ziele zu definieren oder – je nach Ebene – dazu beizutragen, und Organisationsstrukturen zu schaffen, dass es funktionieren kann. Unsere Managemententscheidungen heute stellen die Weichen für übermorgen, das geht in der Halbleiterindustrie gar nicht anders.

Was raten Sie Frauen auf dem Weg ins Topmanagement?

Es hat sich extrem viel getan in den letzten zehn Jahren – sowohl in der Gesellschaft als auch bei den Rahmenbedingungen in den Unternehmen. Frauen auf Spitzenpositionen sind zwar selbstverständlicher geworden, aber da ist auch noch viel Luft nach oben. Die Chancen waren allerdings noch nie so gut wie heute. Junge Frauen sollten sie ergreifen. Ich sage gerade in Gesprächen mit Studentinnen auch gerne: „Als Frau in der Technik fallen Sie sowieso auf, machen Sie etwas daraus!“ Generell sehe ich Neugierde, Begeisterung und allen voran eine gute Ausbildung als gutes Rüstzeug.

Die Diskussion über frauenspezifische Themen führen meist Frauen. Ist das noch zeitgemäß?

Nein, mittlerweile liegt das Potenzial von Frauen in der Wirtschaft klar auf dem Tisch. Ich halte es persönlich für enorm wichtig, dass neben weiblichen „Role Models“ mehr Männer zu diesen Themen öffentlich Stellung beziehen und sich in die Diskussionen einbringen, um das Potenzial von Frauen bzw. größer gefasst den nachgewiesen positiven Effekt von Diversität für die Wirtschaft aufzeigen.

Vielen Dank für das Gespräch!

DI Dr.in Sabine Herlitschka, MBA

Sabine Herlitschka
Sabine Herlitschka

Sabine Herlitschka ist seit April 2014 Vorstandsvorsitzende der Infineon Technologies Austria AG.

Ihre beruflichen Stationen umfassen industrielle Biotech-Forschung, internationale Forschungs- und Technologiekooperation sowie -finanzierung, Internships bei renommierten U.S. Institutionen, Fulbright Wissenschaftlerin und Gründungs-Vizerektorin an der Medizinischen Universität Graz.

Neben zahlreichen Funktionen ist Sabine Herlitschka aktuell unter anderem Vizepräsidentin der Industriellenvereinigung Österreich, Stellvertretende Vorsitzende des Rats für Forschung und Technologieentwicklung der Österreichischen Bundesregierung sowie Aufsichtsratsvorsitzende der FH Kärnten. Auf europäischer Ebene war sie von 2018-2021 Vorsitzende des europäischen Governing Boards des Public Private Partnership-Programms „ECSEL-Electric Components and Systems for European Leadership“.

Sie wurde 2021 vom Wirtschaftsmagazin Trend zur Managerin des Jahres des gewählt. Sie engagiert sich als Beirätin im Business Frauen Center.

Sabine Herlitschka hält ein Doktorat in Lebensmittel- & Biotechnologie, Postdoc in der industriellen Forschung und einen Master of Business Administration.