Von Sahnemeerrettich zu Oberskren – oder wie ich als Berlinerin in Kärnten mein Glück fand

Oft werde ich gefragt, worin denn der größte Unterschied zwischen Österreichern und Deutschen liegt. Ich persönlich halte nicht viel von Verallgemeinerungen. Schließlich gibt es nicht „die Österreicher“ und „die Deutschen“. Zu facettenreich sind beide Länder. Aber wenn ich es doch so pauschal runter brechen soll, dann finde ich, dass sich wohl nirgends der Unterschied klarer zeigt als bei dem deutschen Wort „Sahnemeerrettich“ und seinem österreichischen Pendant „Oberskren“. Wir Deutschen sind doch eher schnörkellos, auch in der Sprache und scheuen uns nicht, Wortschlangen in ungetümartiger Weise zu verwenden. Im österreichischen Wort „Oberskren“ spürt man dafür förmlich die Sehnsucht nach Zeiten, als der Adel hierzulande eine bedeutende Rolle gespielt hat und kann fast ein bisschen diese Titelbesessenheit nachvollziehen.

 

Wer bin ich überhaupt, dass ich es wage, so meinen Text zu beginnen. Ich bin Filmproduzentin, Ehefrau und Mutter eines fast dreijährigen Sohnes (dem besten, ich habe das mal recherchiert). Im Herzen bin ich noch immer viel Berlinerin, aber die Neukärntnerin in mir erobert sich davon Stück für Stück. Ach ja, ich habe auch einen Titel, aber den lasse ich jetzt mal außen vor. Vor sieben Jahren wagte ich den Schritt aus einer Position als festangestellte Reporterin und Redakteurin in Berlin in die ungewisse Selbstständigkeit einer Journalistin ausgerechnet in Kärnten. Die Liebe zu meinem Mann, der Ur-Kärntner im besten Sinne ist und ebenfalls aus der Branche stammt, spielte sicherlich eine große Rolle. Es war aber das Seelenheil, das ich suchte. Denn das Flirren der Großstadt, das ich wahrlich wild ausgekostet habe, wurde mir allmählich zu hohl. Und in unserer Branche neigt man auch mal schnell dazu, sich für den Mittelpunkt der Welt zu halten. Vor allem, wenn man doch in so einer hippen, coolen Stadt wie Berlin wohnt. Kärnten war der richtige Kontrapunkt: überschaubar, wunderschön und vor allem bodenständig. Ich lernte nicht nur, wie wirklich gutes Brot und Butter zu schmecken hat, ich lernte auch Ruhe zu geben und nicht ständig getrieben zu sein von der Angst, etwas verpassen zu können. Das Glück in den kleinen Dingen zu finden, ist wohl meine größte Erkenntnis, z. B. eine Kärntner Jausenzwiebel aus dem eigenen Hochbeet zu ernten. Das ist vielleicht doch nicht das passende Beispiel. Die Zwiebeln sind dieses Jahr förmlich explodiert und arbeiten gerade daran, die Hokkaido-Kürbisse in ihrer Größe zu überholen. Ich schweife ab.

 

Mit der Fähigkeit, Ruhe zu geben und Kleinigkeiten schätzen zu lernen sowie der unendlichen Zuversicht meines Mannes, stellte sich bei uns auch der berufliche Erfolg ein. Wir dürfen gemeinsam große Reportagen und Dokumentationen drehen, was ich in Berlin nicht getan habe. Wir lernen in unserem Beruf unglaublich viele spannende Menschen kennen und sind mittlerweile sogar Arbeitgeber geworden. Unsere gemeinsame Firma wächst langsam und nachhaltig, auch in diesen schwierigen Zeiten. Zurück gehen nach Berlin würde ich nicht mehr. Vermutlich würde man mich dort auch nicht mehr verstehen. Selbst meine Eltern behaupten schon, dass ich so „österreichisch“ rede.

Jana Thiele, MA

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar