Das sei dir ins Stammbuch geschrieben!

Mit zehn Jahren habe ich zu Weihnachten ein Stammbuch geschenkt bekommen, das nach vielen Jahrzehnten Verschollenheit vor kurzem wieder aufgetaucht ist. Die Eltern, Geschwister, Verwandte, Freund:innen, Lehrer:innen haben mir schöne Verse , Denksprüche und Widmungen in das Stammbuch geschrieben, die ich damals auswendig gelernt habe und die so nicht vergessen werden konnten.

Ich halte jetzt das alte blaue Stammbuch wieder in meinen Händen und lese die schön geschriebenen Worte mit den aufwendigen, bunten Zeichnungen und den eingeklebten getrockneten Blumen. Während ich lese, stelle ich mir die Personen vor, wie ich sie damals kannte.

Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein (Volksgut).“

Den Spruch meines Mathematik Lehrers sticht mir ins Auge. Es sind nur drei Zeilen, in großen Buchstaben und die sind nicht so schön wie die anderen Texte.

Als Teenager:in glaubt man, alles zu können und die Beste zu sein. Ich wollte nicht auf andere Rücksicht nehmen und Acht geben, ich wollte „mit dem Kopf durch die Wand“. Der Spruch meines Mathematik Lehrers kam mir damals aber zu oft in den Sinn und ich wollte ihn „loswerden“. Also verbannte ich das Stammbuch im Garten beim Brunnen in einem Mauerloch.  

Als mein Bruder nach vielen Jahrzehnten den alten Brunnen reaktivierte, fand er das Stammbuch wieder. Meine Mutter übergab es mir vor einigen Wochen und fragte zögerlich, ob ich es wiederhaben möchte. Es ist erstaunlich gut erhalten, da es im Mauerloch gut geschützt war.

Ich sah das blaue Buch und sofort fiel mir der Spruch meines Mathematik Lehrers ein. Denn er ist trotz alledem ein Leitsatz, ein Korrektiv für mein Leben geworden. Wer anderen Schaden zufügt, schadet sich oft selbst. Man soll anderen nichts Schlechtes tun, sich nicht auf Kosten anderer Vorteile verschaffen.

Nach der Matura besuchte ich meine ältere Schwester in Graz. An der Karl-Franzens Uni ging ich in die erste Vorlesung meines Lebens. Der Professor referierte über Wirtschaftsprüfung. Er sprach über den langen Ausbildungsweg, über Verantwortungsbewusstsein, Objektivität und Unabhängigkeit und über fachliche und ethische Anforderungen, die der Beruf eines Wirtschaftsprüfers mit sich bringt.

Diese eine Vorlesung prägte meinen weiteren Lebenslauf, mein Studium, meine Berufswahl, meine Arbeitswelt.

Mit dem Ziel beginnen

Jahre später nach erfolgreicher Berufslaufbahn als Steuerberater:in und Unternehmensberater:in und knapp fünf Jahre nach der Geburt meines Sohnes beschloss ich, beruflich wieder durchstarten.

Als ich mit 38 Jahren wieder ins Berufsleben einstieg, war ich nach Absolvierung der Wirtschaftsprüferprüfung, nunmehr auch Wirtschaftsprüferin. Ich wusste, was ich beruflich erreichen wollte, nämlich eine Steuerberater- und Wirtschaftsprüferkanzlei aufzubauen, die sich nicht mit Buchhaltung, Lohnverrechnung und Bilanzierung beschäftigen muss. Ich habe für mich festgelegt, auf welche Arbeiten ich mich konzentrieren werde und welche ich von Anfang an delegieren werde, da ich zu Beginn zur Teilzeit arbeiten konnte. Ich habe quasi mit dem „Ende“ bzw. mit dem Ziel gestartet. Auch heute bin ich der Überzeugung, dass man ein klares Zukunftsbild haben muss und man es selbst in der Hand hat, wie man sein Ziel erreicht. Wenn man eine aktive Rolle einnimmt und visionär, offen, mutig und selbstbewusst ist, erreicht man vieles. Ein ähnlicher Spruch dazu steht übrigens auch in meinem Stammbuch. „Ich will! Das Wort ist mächtig, spricht’s einer ernst und still. Die Sterne reißt’s vom Himmel, das eine Wort: Ich will!“

Da ich beim Aufbau der Kanzlei grundsätzlich erfolgreich sein wollte, habe ich mir die für mich wichtigen Grundprinzipien in einem Notizbuch aufgeschrieben und zur Sicherheit auch am Computer gespeichert. Das Notizbuch habe ich heute noch, die Datei vom Computer ist aber verschwunden.

Im Wesentlichen waren mir zu Beginn – und sind später uns – folgende Themen wichtig:

Die richtigen Mitarbeiter:innen, das richtige Team haben

Beim Einstellungsprozess achte ich darauf, aus welchem Umfeld die Bewerber:in kommt, welche Persönlichkeit, welche Geschichte sie hat. Ich denke man muss ein guter Menschenkenner sein, und man muss sich viel Zeit für die Mitarbeiter:innen nehmen, um sie und ihre Ansprüche zu verstehen. Heute beobachte ich, dass dies insbesondere für die Generation Z gilt, die teilweise sehr viel Aufmerksamkeit braucht. Die Mitarbeiter:innen sollen sich wohlfühlen, daher ist ein gutes Betriebsklima mit entsprechenden Teamaktivitäten, aber auch ein guter Arbeitsplatz wichtig.

Qualifiziertes Wachstum am Standort

Was kann man tun, damit das Unternehmen bzw. der Standort wächst? Diese Frage stand immer im Mittelpunkt. Qualifiziertes Wachstum geht nicht ohne Mitarbeiter:innen und man kann es nur gemeinsam erreichen. Daher habe ich versucht, für die laufende Aus- und Weiterbildung ausreichend Zeit zur Verfügung zu stellen. Ich erinnere mich, dass wir zu Beginn aufgrund der Beendigung einer Partnerschaft nicht voll beschäftigt waren. Aufgeben war jedoch nie eine Option, so haben wir Aufträge für andere Standorte übernommen, bis heute ein Teil unseres Geschäftsmodells. Ich bin heute mehr als je davon überzeugt, dass ein erfolgreicher Standort dort sein sollte, wo die richtigen Mitarbeiter:innen sind.

Es gibt viele Chancen, die man kreativ nutzen kann

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Schwierigkeiten und Krisen zum Unternehmertum gehören. Man sollte sich aber nicht zu lange damit aufhalten, denn jede Veränderung bietet Chancen, wenn man flexibel und rasch reagieren kann. Die aktuelle Zeit mit den großen Herausforderungen, wie Digitalisierung, Klima- und Umweltschutz birgt unendlich viele neue Chancen, die es zu suchen und ergreifen gilt.

Entscheidungen müssen schnell und überlegt getroffen werden

Entscheidungen zu treffen, finde ich immer spannend, daher sollen sie für mich auf allen Ebenen eines Unternehmens maximal möglich sein. Wesentlich ist dabei die Überlegung, dass ich meine Kraft für komplexe Entscheidungen im beruflichen Umfeld und für schwierige Zeiten benötige. Daher sind eigenverantwortliche und selbständige Mitarbeiter:innen ein Schlüssel zum Erfolg.

Laufende Verbesserung der Organisation

Um am Markt erfolgreich zu sein, sind regelmäßig effizienzsteigernde Maßnahmen und Optimierungen erforderlich. Neben den laufenden gesetzlichen Änderungen und den Vorgaben der globalen Organisation, arbeiten wir am Standort -unter Einbindung der Mitarbeiter:innen – regelmäßig an Verbesserungen. Manche Optimierungsmaßnahmen zeigen aber oft unerwünschte Nebenwirkungen. Im operativen Bereich sind wir ständig mit der Prozesseinhaltung und -dokumentation beschäftigt. Um nicht das Unternehmensziel zu übersehen, versuchen wir möglichst effektiv zu handeln um mehr Zeit für die Mitarbeiter:innen und Kunden zu haben. Wenn eine neue Aufgabe hinzukommt, muss eine andere Arbeit wegfallen, sei es durch neue digitale Tools, Selbstorganisation, etc.

Gemeinsame Ziele

Ich will keine Ziele, die von den Mitarbeiter:innen nicht mitgetragen werden. In einer großen Organisation muss jeder ständig Sachen ausführen, die andere vorgehen. Daher ist es wichtig ist, dass die eigenen Ziele mit den Unternehmenszielen übereinstimmen. Aufgrund des Standortwachstums und da sich die Ziele der Kolleg:innen im Lauf der Zeit ändern, ist eine regelmäßige Abstimmung sowie Anpassungen und Ergänzungen notwendig.

Gemeinsame Werte

Als Teil einer globalen Organisation haben wir natürlich einen Code on Conduct. An unserem Standort haben wir zusätzlich unsere gemeinsamen Werte definiert und sprechen in regelmäßigen Abständen und unterschiedlichsten Gelegenheiten darüber. Insbesondere bei neuen Mitarbeiter:innen ist dies notwendig, dies übernehmen aber die betriebsinternen Mentor:innen. Als wesentliche Werte sehe ich Mut, Offenheit, Qualität, Ehrlichkeit, Vertrauen, Transparenz und offene Fehlerkultur.

Female Leadership bedeutet für mich, dafür Sorge zu tragen, dass sich die Menschen wohlfühlen. Die Mitarbeiter:innen sollen sich entwickeln können und ihre Fähigkeiten bestens einsetzen können. Ich arbeite lieber mit den Menschen, als an der Organisation bzw. am System.

Für mein female Leadership gehören drei Dimensionen:

  • Mein persönlicher Führungsstil als Promotor und Umsetzer. Ich nutze die Stärken der Mitarbeiter:innen und fördere junge Talent, ich liebe Veränderungen und bin ein guter Konfliktmanager. Ich bin aber auch ein systematischer Umsetzer und treffe gerne Entscheidungen.
  • Meine Einstellung bzw. Haltung, wie Offenheit, Ehrlichkeit, Respekt, Vertrauen, Neugier.
  • Meine Kompetenzen, wie strategisches Denken, Veränderungsfähigkeit und der Wille eigene Wege zu gehen.

Zu Beginn meiner Berufslaufbahn war die Branche noch stark männlich geprägt. Trotz erheblicher Widerstände wuchs mit jedem auch noch so kleinem Erfolg das Selbstvertrauen und der Wille, Dinge anders und besser zu machen. Aktuell beobachte ich mit Freude, dass alte Tugenden bzw. Werte, wie Menschlichkeit, Ehrlichkeit, Mut, Begeisterung, etc. wieder mehr Aufmerksamkeit im Leadership bekommen.

Was mich die vielen Jahre im Berufsleben begleitet hat, sind Merkbücher aller Art, egal ob sie Organizer, Planer, Filofax, Timesystem, etc. heißen. Wichtige Gedanken, Überlegungen, Erfahrungen, Ideen, Vorhaben, gute Sprüche von klugen Menschen, aber auch einfach Notizen jeder Art finden sich hier. Trotz digitaler Arbeitswelt führe ich meine Notizbücher analog. Mit den Jahren habe ich gemerkt, dass ich mehrere davon benötige. Ein Buch für die wertvollen Besprechungen mit Mitarbeiter:innen, eines für Zukunftsideen und neue Projekte, eines für Gespräche mit interessanten Menschen und gute Sprüche. Auch mein altes Stammbuch ist nun Teil meiner umfangreichen Sammlung von analogen Notizbüchern.

Über die Autorin

Mag. Ulrike Hochsteiner ist Steuerberaterin und Wirtschaftsprüferin. Sie ist Geschäftsführerin und Standortleiterin von EY (Ernst & Young) in Klagenfurt. Ulrike Hochsteiner hat den Standort in den letzten 20 Jahren von ursprünglich 3 auf knapp 60 Mitarbeiter:innen aufgebaut. Die Anzahl der weiblichen Mitarbeiter liegt bei 60%. Das Leistungsspektrum von EY Klagenfurt umfasst Prüfung und prüfungsnahe Beratung, TAX, Consulting, IT-Beratung und Rechtsberatung.